
Lister Wanderdünen bei Sonnenuntergang – die schrägstehende Sonne zeichnet die Rippelmarken deutlich ab – das Bild habe ich analog mit einer Hasselblad mit 50 mm Distagon aufgenommen. Beide Bilder unten sind ebenfalls im Lister Dünengebiet entstanden.
Zu Zeiten der analogen Fotografie waren etwa 90 % meiner Bilder Schwarzweißbilder. Wenn ich auch im digitalen Zeitalter noch Schwarzweißbilder erstelle, geschieht das nicht aus Nostalgie, sondern weil der monochrome Anlick die Nordsee-Motive radikal neu erschließt. Der Verfremdungseffekt ist der erste Hebel: Wenn ich Farbe in Grautöne übersetze, entsteht eine völlig neue Ansicht aus Strukturen, Linien und rhythmischen Flächenfolgen.
Hinzu kommt die starke Strukturierung, die die Graustufen ermöglichen. Die Nordsee ist ein Ort permanenter Muster – Wattrippel, Schaumkronen, Möwenschwärme, Gezeitenlinien. Im reinen Licht-Schatten-Spiel werden diese Texturen klar, fast taktil begreifbar. Berühmte Vorbilder bestärken mich: Marion Reinstadler entfaltet ein großes Panorama an Schwarzweißfotos von Ost- und Nordsee, Fay Godwin verwandelte britische Küsten in topografische Schwarzweiß-Porträts, von Genies wie Ansel Adams oder Edward Weston zu schweigen. Ihre Arbeiten beweisen, dass Reduktion Intensität erzeugt.


Zeitlosigkeit von Schwarzweiß Fotografien
Ein weiterer Grund ist die Zeitlosigkeit, die Schwarzweißbilder vermitteln – und das bei einem höchst flüchtigen Medium. Denn wie schnell verändern sich Lichteinfall und Wolken. Und ein Bild ohne Farbcode ist sozusagen „historisch“, es könnte 1925 oder 2025 entstanden sein. Diese Zeitenthobenheit steht in Kontrast zur archaischen Dramaturgie der Elemente, die sich täglich am Meer abspielt. Nicht zuletzt ist das raue Nordseewetter mein zuverlässiger Verbündeter: Graue Tage liefern samtige Mitteltöne, Tiefdruckgebiete scharfe Wolkensilhouetten in mächtigen Cumuluswolken, und selbst milchiger Dunst bekommt in Schwarzweiß eine poetische, fast ätherische Qualität. Die Wolken! Sie nehmen eine noch plastischere Form an, wenn sie in Schwarzweiß erscheinen.
Kurzum: „Schwarzweiß-Fotografien Nordsee“ verdichten Licht, Form und Emotion zu einer Essenz, die Farbe selten erreicht. Sie holen den Betrachter aus der Routine, schenken Motiven Würde und Stille und lassen mich als Fotografen in einem Dialog zwischen Tradition und eigener Handschrift die Küste immer wieder neu entdecken.